Sexualberatung und Sexualtherapie: Themen, Ablauf und Möglichkeiten
„Wenn Sex die natürlichste Sache der Welt ist, warum gibt es dann so viele Ratgeber darüber?“
Bette Midler, amerikanische Schauspielerin
Die sexuelle Fortpflanzung gibt es vermutlich schon seit mehr als 600 Millionen Jahren – die Natur hat den Sex quasi „erfunden“. Wenn man jetzt daraus schlussfolgert, das dieses „natürlich“ mit „leicht“ oder „einfach“ gleichzusetzen ist, liegt man falsch.
Sexualität gehört für viele Menschen zu den persönlichsten und zugleich sensibelsten Bereichen ihres Lebens. Sie kann Lust, Nähe, Verbundenheit und Lebendigkeit bedeuten – aber ebenso Unsicherheit, Scham, Druck, Enttäuschung oder Konflikte auslösen.
Dabei muss Sexualität nicht erst zu einem „Problem“ geworden sein, bevor es sinnvoll ist, darüber zu sprechen.
Manchmal geht es darum, unterschiedliche Bedürfnisse in einer Partnerschaft besser zu verstehen. Manchmal um fehlende Lust, körperliche Schwierigkeiten oder die Frage, warum Sex nicht mehr so selbstverständlich funktioniert wie früher. Und manchmal geht es schlicht um den Wunsch, die eigene Sexualität besser kennenzulernen und freier gestalten zu können.
Sexualberatung und Sexualtherapie können einen geschützten Raum schaffen, in dem auch Themen ausgesprochen werden dürfen, über die sonst kaum gesprochen wird.
Wann kann Sexualberatung oder Sexualtherapie sinnvoll sein?
Menschen kommen mit sehr unterschiedlichen Anliegen zu mir.
Manche erleben bereits seit längerer Zeit Schwierigkeiten in ihrer Sexualität. Andere befinden sich in einer Beziehungskrise oder stellen fest, dass ihre Vorstellungen von Nähe, Lust oder Partnerschaft immer weiter auseinandergehen.
Wieder andere erleben gar keine akute Krise, sondern möchten ihre Sexualität bewusster verstehen und gestalten.
Ein häufiger Ausgangspunkt ist dabei eine scheinbar einfache Frage:
Was wünsche ich mir eigentlich – und kann ich darüber sprechen?
Gerade in längeren Partnerschaften entwickeln sich häufig feste Muster. Nähe wird selbstverständlich, Sexualität planbarer oder seltener, Wünsche werden nicht mehr ausgesprochen. Aus Rücksicht entsteht Schweigen, aus Schweigen Unsicherheit und aus Unsicherheit manchmal Distanz.
Sexualberatung kann helfen, diese Dynamiken sichtbar und wieder besprechbar zu machen.
Typische Themen in der Sexualberatung
Heutzutage vermitteln uns Medien einen massiven Leistungsdruck und sehr häufig auch ein falsches Bild über Sexualität. Pornos haben mit echtem Sex nur wenig zu tun und sind im Internet so umfangreich verfügbar, dass überzogene sexuelle Erwartungen an sich selbst und an den Partner entstehen können. Sexuelle Lustlosigkeit, oft bei gleichzeitig erheblichen heimlichen Sehnsüchten, scheint ein Hauptproblem unserer Zeit zu sein.
Als Ergebnis sind viele Menschen in unserer Gesellschaft
„oversexed and underfucked“.
Es gibt Menschen, die von der Sorge gequält werden, ob ihre sexuellen Fantasien und Träume womöglich krankhaft und anormal sind. Andere befürchten, dass der Partner sexsüchtig sein könnte. Ältere Menschen stellen sich manchmal die Frage, ob ihnen in ihrem Alter überhaupt noch ein Anspruch auf sexuelle Erfüllung zusteht.
Anlässe für eine Beratung oder Therapie können beispielsweise sein:
- fehlende oder nachlassende sexuelle Lust
- unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse innerhalb einer Partnerschaft
- Schwierigkeiten, über Wünsche, Fantasien und Grenzen zu sprechen
- Unsicherheit oder Scham in Bezug auf die eigene Sexualität
- Erektionsschwierigkeiten
- Schwierigkeiten beim Orgasmus oder bei der sexuellen Erregung
- vorzeitige oder verzögerte Ejakulation
- Schmerzen beim Sex
- Ängste im Zusammenhang mit Sexualität
- sexuelle Unzufriedenheit in einer Partnerschaft
- Veränderungen der Sexualität in langjährigen Beziehungen
- Sexualität nach Trennung, Erkrankung oder anderen Lebensveränderungen
- Fragen zur eigenen sexuellen Orientierung oder Identität
- Unsicherheit im Umgang mit sexuellen Fantasien oder besonderen Vorlieben
- Pornografienutzung, die als belastend oder konflikthaft erlebt wird
- zwanghaft erlebtes sexuelles Verhalten
- Eifersucht, Untreue oder Affären
- offene Beziehungen, Polyamorie und andere Beziehungsmodelle
- die Frage, wie Nähe, Freiheit und Verbindlichkeit miteinander vereinbart werden können
Nicht jede Besonderheit und nicht jede Abweichung von gesellschaftlichen Vorstellungen ist dabei eine Störung.
Menschen unterscheiden sich erheblich darin, wie wichtig Sexualität für sie ist, wie häufig sie Lust empfinden, welche Form von Nähe sie wünschen und wie sie Beziehungen gestalten möchten.
Auch Asexualität ist beispielsweise nicht an sich behandlungsbedürftig. Beratung kann jedoch sinnvoll sein, wenn daraus für die betreffende Person selbst Fragen, Unsicherheiten oder Konflikte innerhalb einer Beziehung entstehen.
Sexualität ist mehr als Funktion
Sexuelle Schwierigkeiten werden häufig zunächst danach beurteilt, ob etwas „funktioniert“.
Kommt eine Erektion zustande? Ist genügend Lust vorhanden? Gibt es einen Orgasmus? Findet häufig genug Sex statt?
Diese Fragen können wichtig sein. Sie greifen aber oft zu kurz.
Sexualität findet nicht nur im Körper statt. Sie ist eng verbunden mit unserer Persönlichkeit, unserer Beziehungsgeschichte, unseren Erfahrungen, unserem Selbstbild und der Art, wie wir Nähe und Distanz gestalten.
Deshalb interessiert mich in der Sexualberatung nicht nur:
Was funktioniert nicht?
Sondern auch:
Was passiert zwischen zwei Menschen?
Welche Erwartungen bestehen? Welche Wünsche dürfen ausgesprochen werden? Wo entsteht Druck? Wo wird Rücksicht genommen, obwohl eigentlich etwas anderes gewünscht wird? Wo fehlen Sicherheit, Freiheit oder Vertrauen?
Und manchmal stellt sich die zunächst als sexuelles Problem beschriebene Schwierigkeit im Gespräch als Beziehungsthema heraus – oder umgekehrt.
Zwischen medialen Bildern und eigener Sexualität
Unsere Vorstellungen von Sexualität entstehen nicht im luftleeren Raum.
Filme, soziale Medien, Pornografie und gesellschaftliche Vorstellungen vermitteln Bilder davon, wie Sex angeblich sein sollte: spontan, leidenschaftlich, abwechslungsreich, problemlos und jederzeit verfügbar.
Das kann Erwartungen und Vergleiche beeinflussen.
Pornografie kann dabei sehr unterschiedlich erlebt und genutzt werden. Für manche Menschen ist sie Teil ihrer Sexualität, für andere wird sie zum Konfliktthema oder erzeugt Vorstellungen, mit denen die eigene Sexualität verglichen wird.
Entscheidend ist deshalb weniger, ob eine bestimmte Form von Sexualität einem vermeintlichen Ideal entspricht.
Entscheidend ist:
Passt sie zu mir – und zu uns?
Was geschieht in einer Sexualberatung?
Am Anfang steht ein Erstgespräch.
Dabei geht es zunächst darum, Ihr Anliegen zu verstehen und gemeinsam zu klären, worum es eigentlich geht. Sie müssen dabei nicht sofort jedes intime Detail erzählen.
Ebenso wichtig ist das gegenseitige Kennenlernen. Gerade bei einem so persönlichen Thema sollte die Atmosphäre stimmen und das Gefühl entstehen, offen sprechen zu können, ohne bewertet zu werden.
Im weiteren Verlauf betrachten wir – soweit es für das jeweilige Anliegen wichtig ist – unter anderem:
- die aktuelle Lebens- und Beziehungssituation
- frühere Beziehungserfahrungen
- die Entwicklung der eigenen Sexualität
- Wünsche und Bedürfnisse
- Erwartungen an Partnerschaft und Sexualität
- wiederkehrende Konflikte oder Beziehungsmuster
- Nähe und Distanz
- Kommunikation
- Scham, Ängste oder Unsicherheiten
- körperliche Veränderungen und deren Bedeutung für die Sexualität
Ziel ist dabei nicht, Ihnen vorzugeben, wie eine „richtige“ Sexualität aussehen sollte.
Es geht vielmehr darum, die eigene Situation besser zu verstehen und eine Sexualität zu entwickeln, die zu Ihnen und – bei Paaren – zu Ihrer Beziehung passt.
Verstehen statt bewerten
Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, Sexualität zunächst einmal aus der Bewertung herauszunehmen.
Menschen fragen sich häufig:
Bin ich normal?
Ist mein Wunsch ungewöhnlich?
Warum möchte mein Partner etwas anderes als ich?
Haben wir zu wenig Sex?
Ist meine Fantasie in Ordnung?
Solche Fragen sind verständlich. Häufig entsteht jedoch zusätzlicher Druck, wenn Sexualität permanent daran gemessen wird, was vermeintlich normal oder richtig ist.
Deshalb geht es zunächst darum, zu verstehen.
Was bedeutet Sexualität für mich? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Welche Erwartungen bringe ich mit? Was löst mein Gegenüber in mir aus? Welche alten Erfahrungen oder Verletzungen spielen möglicherweise eine Rolle?
Erst wenn diese Zusammenhänge sichtbarer werden, entstehen neue Handlungsmöglichkeiten.
Sexualität als Kommunikation
Sexualität ist auch eine Form von Kommunikation.
Menschen können über ihren Körper Nähe, Begehren, Vertrauen, Hingabe, Spiel, Zärtlichkeit oder Verbundenheit ausdrücken.
Gleichzeitig ist es erstaunlich, wie schwer es vielen Paaren fällt, gerade über Sexualität miteinander zu sprechen.
Über Wünsche.
Über Fantasien.
Über Grenzen.
Aber auch darüber, was fehlt.
Aus Angst, den anderen zu verletzen, entsteht häufig Rücksichtnahme. Und aus Rücksichtnahme kann irgendwann Sprachlosigkeit werden.
In der Beratung kann deshalb ein wichtiger Schritt darin bestehen, eine gemeinsame Sprache für Sexualität zu entwickeln.
Nicht mit dem Ziel, dass beide dasselbe wollen müssen.
Sondern damit Unterschiede überhaupt ausgesprochen und miteinander verhandelt werden können.
Veränderung findet nicht nur im Gespräch statt
Die Sitzungen können neue Perspektiven eröffnen und Zusammenhänge sichtbar machen. Die eigentliche Veränderung entsteht jedoch häufig zwischen den Gesprächen.
Deshalb können – abhängig vom jeweiligen Anliegen – Anregungen oder Übungen für den Alltag Bestandteil der Beratung sein.
Dabei kann es beispielsweise darum gehen,
- anders miteinander ins Gespräch zu kommen,
- eigene Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen,
- Nähe ohne unmittelbaren Leistungsdruck zu erleben,
- eingefahrene Muster zu unterbrechen oder
- neue Formen von Intimität und Begegnung auszuprobieren.
Es geht nicht darum, sexuelle Leistungen zu trainieren.
Es geht darum, Wahrnehmung, Kommunikation und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Körperliche Ursachen sollten berücksichtigt werden
Sexuelle Schwierigkeiten können psychische, partnerschaftliche und körperliche Ursachen haben – häufig wirken mehrere Faktoren zusammen.
Bei neu auftretenden oder anhaltenden körperlichen Beschwerden, beispielsweise Erektionsproblemen, Schmerzen, Veränderungen der Erregungsfähigkeit oder anderen körperlichen Symptomen, kann deshalb zusätzlich eine ärztliche Abklärung sinnvoll oder notwendig sein.
Sexualberatung ersetzt keine medizinische Untersuchung.
Gleichzeitig können auch bei einer körperlichen Ursache psychische Belastungen oder partnerschaftliche Dynamiken entstehen, die in der Beratung bearbeitet werden können.
Alleine oder gemeinsam als Paar?
Sexualberatung richtet sich an Einzelpersonen ebenso wie an Paare und Menschen in unterschiedlichen Beziehungsformen – unabhängig von sexueller Orientierung oder Lebensmodell.
Ob eine Beratung zunächst alleine oder gemeinsam sinnvoll ist, hängt vom jeweiligen Anliegen ab.
Manche Themen lassen sich leichter zunächst im Einzelgespräch betrachten. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn es um eigene Unsicherheiten, Fantasien, Scham, sexuelle Erfahrungen oder persönliche Entscheidungen geht.
Wenn Sexualität jedoch zum Konfliktthema innerhalb einer Partnerschaft geworden ist, kann es sehr hilfreich sein, gemeinsam zu kommen.
Denn häufig geht es dann nicht nur um Sexualität selbst, sondern auch um Kommunikation, Erwartungen, Verletzungen, Nähe, Vertrauen oder unterschiedliche Bedürfnisse.
Dabei geht es nicht darum, herauszufinden, wer „recht“ hat.
Es geht darum, beide Perspektiven zu verstehen und Möglichkeiten zu entwickeln, wie mit den vorhandenen Unterschieden umgegangen werden kann.
Sexualität darf sich verändern
Sexualität bleibt im Laufe eines Lebens nicht gleich.
Partnerschaften verändern sich. Körper verändern sich. Lebenssituationen verändern sich. Menschen verändern sich.
Auch Wünsche können sich verändern.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass mit einer Beziehung oder mit einem Menschen etwas nicht stimmt.
Manchmal braucht es lediglich den Mut, genauer hinzusehen und miteinander über das zu sprechen, was sich verändert hat.
Sexualberatung bedeutet für mich deshalb nicht, Menschen an eine Vorstellung von „normaler“ Sexualität anzupassen.
Sie bedeutet, gemeinsam herauszufinden, welche Form von Sexualität, Nähe und Beziehung für den jeweiligen Menschen oder das jeweilige Paar stimmig sein kann.
Sexualberatung und Sexualtherapie in Osnabrück und online
In meiner Praxis LIFEWORKS-NOW in Osnabrück begleite ich Einzelpersonen und Paare bei Fragen rund um Sexualität, Partnerschaft, Nähe und Intimität.
Beratung ist sowohl vor Ort in Osnabrück als auch online möglich.
Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Anliegen in eine Sexualberatung, Paarberatung oder psychotherapeutische Behandlung gehört, kann dies im Erstgespräch gemeinsam geklärt werden.
Manchmal beginnt Veränderung bereits dort, wo etwas zum ersten Mal offen ausgesprochen werden darf.
