Markus Osterhaus | 0541 4401 3803 | Psychologische Beratung | Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz

Wahrnehmung und Wahrheit – alles eine Frage der Perspektive!

Ein therapeutischer Impuls aus der Praxis

In meiner Arbeit begegne ich immer wieder derselben Dynamik:
Ein Mensch möchte verstanden werden – und zugleich beweisen, dass er im Recht ist. Das Gegenüber empfindet es oft genauso. Beide sind überzeugt: So ist es wirklich gewesen.

Der Wunsch nach Klärung ist nachvollziehbar. Doch genau hier entsteht häufig der Konflikt.

Ich bin kein Schiedsrichter.
In der psychologischen Beratung geht es nicht darum, festzustellen, wer Recht hat und wer Unrecht. Beziehungen folgen keiner objektiven Beweisführung. Es gibt keine Instanz, die „die Wahrheit“ verkünden könnte.

Was es gibt, sind unterschiedliche Wahrnehmungen.

Ein Bild sagt oft mehr als viele Worte

Stellen Sie sich folgende Situation vor – visualisiert durch das Bild auf dieser Seite:
In der Mitte steht ein Körper, ein Zylinder. Von der einen Seite betrachtet wirft er einen quadratischen Schatten an die Wand. Von der anderen Seite betrachtet erscheint ein runder Schatten.

Beide Betrachter zeigen auf „ihren“ Schatten und sagen überzeugt:
„Das ist wahr.“

Und beide haben Recht.

Der eine sieht ein Quadrat.
Der andere sieht einen Kreis.
Die Wahrheit – der Zylinder – bleibt dabei oft unsichtbar, weil jeder nur seine Perspektive kennt.

Genauso funktioniert Wahrnehmung in Beziehungen.

Zwei Wahrheiten – kein Schuldiger

Unsere persönliche Wahrheit entsteht aus dem, was wir erleben – gefiltert durch Biografie, Prägungen, Erwartungen, Verletzungen und Gefühle. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und sie dennoch vollkommen unterschiedlich deuten. Beide Perspektiven sind subjektiv – und beide sind in sich stimmig.

Ein typisches Beispiel aus der Paarberatung:
Ein Partner fühlt sich übergangen oder nicht gesehen. Der andere ist überzeugt, korrekt gehandelt zu haben und versteht den Vorwurf nicht. Wie beim Bild schauen beide auf denselben „Gegenstand“, sehen aber unterschiedliche Schatten.

Der Konflikt entsteht nicht, weil einer lügt –
sondern weil beide aus ihrer Perspektive wahr sprechen.

Die entscheidende Frage

Die zentrale Frage lautet daher nicht:
„Wer hat Recht?“

Sondern:
„Von welcher Seite schaust du – und was siehst du von dort aus?“

Wenn es gelingt, die eigene Sicht nicht sofort zu verteidigen, sondern neugierig auf die Perspektive des anderen zu werden, verändert sich etwas Grundlegendes. Aktives Zuhören, echtes Nachfragen und das Aushalten von Unterschiedlichkeit schaffen einen neuen Raum.

Nicht um sich auf eine Wahrheit zu einigen –
sondern um die Wahrheit des anderen mit zu verstehen.

Beziehung heißt Perspektiven integrieren

Wahrnehmung ist subjektiv – und genau das macht uns menschlich.
Wenn beide Wahrheiten nebeneinander stehen dürfen, entsteht oft etwas Drittes: ein erweitertes Verständnis. Vielleicht kein vollständiger Konsens, aber eine tragfähige Basis für Klarheit, Verbindung und neue Nähe.

 

Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer Lösung,
sondern mit dem Mut, einen Schritt zur Seite zu treten
– und die Welt für einen Moment durch die Augen des anderen zu betrachten.