Wenn Sexualität sich anpasst – und dabei an Lebendigkeit verliert.
In meiner Arbeit mit Einzelnen und Paaren erlebe ich immer wieder dasselbe Muster:
Sexualität wird im Laufe der Beziehung ruhiger, angepasster, sicherer – oder entfällt ganz. Nähe ist da, Verlässlichkeit auch – und doch fehlt etwas. Spannung. Begehren. Innere Bewegung.
Der Sexualtherapeut Prof. Dr. Ulrich Clement beschreibt diesen Zustand als den „kleinsten gemeinsamen erotischen Nenner“ und als „verkehrsberuhigte Zone“. Gemeint ist eine Sexualität, die sich unauffällig in den Beziehungsalltag einfügt: konfliktarm, berechenbar, emotional gut kontrollierbar.
Viele meiner Klientinnen und Klienten haben sich dorthin nicht bewusst entschieden. Sie haben Wünsche zurückgenommen, Fantasien nicht mehr ausgesprochen, Impulse gedämpft – aus Rücksicht, aus Angst vor Zurückweisung oder aus dem Wunsch, die Beziehung zu schützen. Und genau hier wird es entscheidend:
Dann wird die Erotik auf dem Altar der Harmonie geopfert.
Was kurzfristig Sicherheit schafft, kostet langfristig oft Lebendigkeit. Denn Erotik lebt nicht von Anpassung, sondern von Eigenständigkeit. Sie braucht Unterschiedlichkeit, ein Gegenüber, das nicht vollständig verfügbar ist, und den Mut, sich nicht zu sehr zurückzunehmen.
Wenn Lust schwindet, Sexualität vermieden wird oder sich Sehnsucht nur noch im Rückzug, in Fantasien oder außerhalb der Beziehung zeigt, sehe ich darin selten ein persönliches Defizit. Häufig ist es ein Hinweis auf zu viel Anpassung – und zu wenig Raum für das Eigene.
In meiner psychologischen Beratung geht es deshalb nicht um Techniken oder Leistungsfragen. Es geht um Wahrhaftigkeit. Um die Rückverbindung mit dem eigenen erotischen Erleben – jenseits von Rollen, Erwartungen und Harmoniezwang. Nicht jede Fantasie muss gelebt werden. Aber das Eigene darf wieder sichtbar werden.
Denn wirkliche Nähe entsteht nicht dort, wo alles glatt läuft, sondern dort, wo Unterschiedlichkeit ausgehalten werden kann – ohne sich selbst dabei zu verlieren.
